Trotzt ihrem Einfluss auf die Philosophie des Geistes, wurden Brentanos psychologische Theorien zumeist missverstanden oder zum Zweck der Erarbeitung eigener Ansätze in ihrer genuinen Physiognomie verzerrt, die sowohl von Brentanos Ansichten als auch von den aus ihnen zu ziehenden Implikationen weit entfernt sind. Besonders verbreitet ist ein andauerndes Vorurteil, welches in Brentano den Vertreter eines methodisch mangelhaften und überholten, auf Introspektion beruhenden Ansatzes sieht. Brentano ist in Wirklichkeit weit davon entfernt, eine Art philosophische Psychologie anzubieten, die sich mit naiven Ansichten und Beobachtungen begnügt. Ganz im Gegenteil hat er nie die experimentelle Forschung im Bereich etwa der Sinnesphysiologie beiseitegelassen, sondern hielt sie ständig für eine unentbehrliche Quelle der eigenen empirischen Untersuchungen. Im vorliegenden Beitrag geht es darum, Brentanos originären Beitrag zur Philosophie des Geistes im Hinblick auf die Entwicklung einer Auffassung von Kognition zu verwenden, die ein zwiefaches Erfordernis zu befriedigen hat: Erstens müssen die theoretische Einseitigkeiten gehoben werden, in welche die heutigen meistverbreiteten Theorien in beiden Feldern, d. h. der Philosophie des Geistes auf der einen und der Kognitionswissenschaften auf der anderen Seite geraten sind. Zweitens, braucht eine reife Psychologie resp. Kognitionswissenschaft, welche der Aufgabe einer plausibler Erklärung der mentalen Erscheinungen gerecht werden will, als notwendigen Ausgangspunkt eine rigorose Beschreibung des Explikandum, die gleichzeitig seine wesentlichen Zusammenhänge hervorhebt. Das betrifft sowohl die vielfachen phänomenalen Aspektformen als auch die strukturellen Verflechtungen der psychischen Zustände in der gesamten kognitiven Ökonomie des erfahrenden Subjekts. Zu diesem Zweck kann sich Brentanos Psychologie des Aktes als besonders fruchtbar erweisen. Nach ihrem Anwendungsbereich betrachtet, beschränkt sich ihre theoretische Zielsetzung nicht darin, eine vollständige Taxonomie der psychischen Phänomene zusammenzustellen, sondern kennzeichnet sich hauptsächlich durch das ambitionierte Projekt, die Ordnung der Gesetzmäßigkeit ans Licht zu bringen, welche ihrer Verbindungsweise zugrunde liegt. So gestaltet sich Brentanos Versuch als eine Theorie der Erfahrung, welche in der Doppelbindung zwischen Intentionalität und Bewußtsein die allgemeine Charakteristik aller psychischen Erscheinungen erkennt. In diesem Beitrag werde ich versuchen, zugunsten der unlösbaren Verbindung zwischen Intentionalität und Bewußtsein und gegen diejenigen theoretischen Modelle im Feld der Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft zu argumentieren, welche beide Merkmale trennen, um sie auf grundverschiedene Funktionen zurückzuführen. So kommt Intentionalität nach den Vertretern des Funktionalismus lediglich unterpersönlichen, symbolischen Items zu, aus welchen ebenso unbewusste Vorstellungen durch syntaktische Manipulationsverfahren hervorgebracht werden oder sogar Gehirnprozesse. Andererseits wird einem auf ornamentales Epiphänomen reduzierten Bewußtsein nur die Aufgabe zugewiesen, das Skelett der ‚echten‘ kognitiven Strukturen mit dem Fleisch des Qualitativen zu versehen, ohne dass dessen aufschließende Rolle in Bezug auf eine tatsächlichen Erfahrung der Welt berücksichtigt wird. Bei der Verfolgung dieses Ziels werde ich versuchen: 1) Das Missverständnis zu beheben, wonach die Intentionalität dem semantischen Inhalt von Sprachaussagen gleichgesetzt wird. 2) Die These zu verteidigen, dass Intentionalität als Charakteristikum aller mentaler Zustände gilt. 3) Die Originalität Brentanos Auffassung des Vorstellens und des Urteilens als Spezifikationen der intentionalen Beziehung zu zeigen. 4) Die konstitutive Einheit des Bewußtseins trotz der Mannigfaltigkeit der in ihm vorkommenden psychischen Akte hervorzuheben. 5) Die Haltbarkeit der selbstrepräsentationalen Theorie der inneren Wahrnehmung zu überprüfen.

Die Aktualität der empirischen Psychologie Brentanos in der heutigen Philosophie des Geistes

Fugali, Edoardo
2019

Abstract

Trotzt ihrem Einfluss auf die Philosophie des Geistes, wurden Brentanos psychologische Theorien zumeist missverstanden oder zum Zweck der Erarbeitung eigener Ansätze in ihrer genuinen Physiognomie verzerrt, die sowohl von Brentanos Ansichten als auch von den aus ihnen zu ziehenden Implikationen weit entfernt sind. Besonders verbreitet ist ein andauerndes Vorurteil, welches in Brentano den Vertreter eines methodisch mangelhaften und überholten, auf Introspektion beruhenden Ansatzes sieht. Brentano ist in Wirklichkeit weit davon entfernt, eine Art philosophische Psychologie anzubieten, die sich mit naiven Ansichten und Beobachtungen begnügt. Ganz im Gegenteil hat er nie die experimentelle Forschung im Bereich etwa der Sinnesphysiologie beiseitegelassen, sondern hielt sie ständig für eine unentbehrliche Quelle der eigenen empirischen Untersuchungen. Im vorliegenden Beitrag geht es darum, Brentanos originären Beitrag zur Philosophie des Geistes im Hinblick auf die Entwicklung einer Auffassung von Kognition zu verwenden, die ein zwiefaches Erfordernis zu befriedigen hat: Erstens müssen die theoretische Einseitigkeiten gehoben werden, in welche die heutigen meistverbreiteten Theorien in beiden Feldern, d. h. der Philosophie des Geistes auf der einen und der Kognitionswissenschaften auf der anderen Seite geraten sind. Zweitens, braucht eine reife Psychologie resp. Kognitionswissenschaft, welche der Aufgabe einer plausibler Erklärung der mentalen Erscheinungen gerecht werden will, als notwendigen Ausgangspunkt eine rigorose Beschreibung des Explikandum, die gleichzeitig seine wesentlichen Zusammenhänge hervorhebt. Das betrifft sowohl die vielfachen phänomenalen Aspektformen als auch die strukturellen Verflechtungen der psychischen Zustände in der gesamten kognitiven Ökonomie des erfahrenden Subjekts. Zu diesem Zweck kann sich Brentanos Psychologie des Aktes als besonders fruchtbar erweisen. Nach ihrem Anwendungsbereich betrachtet, beschränkt sich ihre theoretische Zielsetzung nicht darin, eine vollständige Taxonomie der psychischen Phänomene zusammenzustellen, sondern kennzeichnet sich hauptsächlich durch das ambitionierte Projekt, die Ordnung der Gesetzmäßigkeit ans Licht zu bringen, welche ihrer Verbindungsweise zugrunde liegt. So gestaltet sich Brentanos Versuch als eine Theorie der Erfahrung, welche in der Doppelbindung zwischen Intentionalität und Bewußtsein die allgemeine Charakteristik aller psychischen Erscheinungen erkennt. In diesem Beitrag werde ich versuchen, zugunsten der unlösbaren Verbindung zwischen Intentionalität und Bewußtsein und gegen diejenigen theoretischen Modelle im Feld der Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft zu argumentieren, welche beide Merkmale trennen, um sie auf grundverschiedene Funktionen zurückzuführen. So kommt Intentionalität nach den Vertretern des Funktionalismus lediglich unterpersönlichen, symbolischen Items zu, aus welchen ebenso unbewusste Vorstellungen durch syntaktische Manipulationsverfahren hervorgebracht werden oder sogar Gehirnprozesse. Andererseits wird einem auf ornamentales Epiphänomen reduzierten Bewußtsein nur die Aufgabe zugewiesen, das Skelett der ‚echten‘ kognitiven Strukturen mit dem Fleisch des Qualitativen zu versehen, ohne dass dessen aufschließende Rolle in Bezug auf eine tatsächlichen Erfahrung der Welt berücksichtigt wird. Bei der Verfolgung dieses Ziels werde ich versuchen: 1) Das Missverständnis zu beheben, wonach die Intentionalität dem semantischen Inhalt von Sprachaussagen gleichgesetzt wird. 2) Die These zu verteidigen, dass Intentionalität als Charakteristikum aller mentaler Zustände gilt. 3) Die Originalität Brentanos Auffassung des Vorstellens und des Urteilens als Spezifikationen der intentionalen Beziehung zu zeigen. 4) Die konstitutive Einheit des Bewußtseins trotz der Mannigfaltigkeit der in ihm vorkommenden psychischen Akte hervorzuheben. 5) Die Haltbarkeit der selbstrepräsentationalen Theorie der inneren Wahrnehmung zu überprüfen.
978-3-476-05027-4
978-3-476-05092-2
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