Die Studie bietet eine textimmanente Analyse von Franz Kafkas Der Prozess im Hinblick auf das Thema der Gewalt, das auf verschiedenen Ebenen des Werks präsent ist (1. Die Kunst der Gewalt). Der Fokus liegt dabei auf der thematischen Präsenz zweier Strafparadigmen: Dem vormodernen Paradigma, in dem Gewalt sichtbar und körperlich ist, und dem modernen Paradigma, in dem Gewalt unsichtbar wird und das Strafsystem von der körperlichen Bestrafung zur Disziplinierung der Psyche des Verurteilten übergeht. Diese Analyse orientiert sich am Analyseraster von Foucaults Überwachen und Strafen (1975), wonach Vormoderne und Moderne und ihre Strafparadigmen nicht in chronologischer Abfolge, sondern häufig parallel zueinander existieren (2. Zwei Paradigmen der Bestrafung: Ein Analysemodell). Anhand des vorgeschlagenen Analysemodells werden folgende Aspekte in Kafkas Werk beleuchtet: Die versteckten Folterszenen während des Prozesses, die auf ein vormodernes Strafsystem verweisen; die Bürokratisierung des modernen Rechtsstaates, in dem die körperliche Bestrafung verschwindet und stattdessen die Disziplinierung der „Psyche“ des Verurteilten in den Vordergrund tritt (3. Bürokratisierung und Psychologisierung); sowie das permanente Verschweigen von Prozesswissen, das Züge eines inquisitorischen Systems trägt und vom Protagonisten Joseph K. als „absurd“ empfunden wird (4. Verborgenes Wissen und aufgeklärte Vernunft). Diese juristisch-strafrechtlichen Themen, die Teil der Ausbildung des Schriftstellers waren, tauchen in Kafkas literarischem Werk erstmals im Prozess auf. Sie werden im Roman literarisch beleuchtet und in ihrer „Logik“ dekonstruiert (5. Das Gesetz als menschliche Schöpfung). Auf diese Weise erweist sich Kafkas Werk, dessen literarisches Schreiben maßgeblich von seiner historisch-juristischen Dimension geprägt ist, als ein bedeutendes Zeugnis seiner Epoche, das zugleich zentrale Aspekte der zeitgenössischen Welt beleuchtet.

Sichtbare und unsichtbare Gewalt im Prozess von Franz Kafka

Paola Di Mauro
2025-01-01

Abstract

Die Studie bietet eine textimmanente Analyse von Franz Kafkas Der Prozess im Hinblick auf das Thema der Gewalt, das auf verschiedenen Ebenen des Werks präsent ist (1. Die Kunst der Gewalt). Der Fokus liegt dabei auf der thematischen Präsenz zweier Strafparadigmen: Dem vormodernen Paradigma, in dem Gewalt sichtbar und körperlich ist, und dem modernen Paradigma, in dem Gewalt unsichtbar wird und das Strafsystem von der körperlichen Bestrafung zur Disziplinierung der Psyche des Verurteilten übergeht. Diese Analyse orientiert sich am Analyseraster von Foucaults Überwachen und Strafen (1975), wonach Vormoderne und Moderne und ihre Strafparadigmen nicht in chronologischer Abfolge, sondern häufig parallel zueinander existieren (2. Zwei Paradigmen der Bestrafung: Ein Analysemodell). Anhand des vorgeschlagenen Analysemodells werden folgende Aspekte in Kafkas Werk beleuchtet: Die versteckten Folterszenen während des Prozesses, die auf ein vormodernes Strafsystem verweisen; die Bürokratisierung des modernen Rechtsstaates, in dem die körperliche Bestrafung verschwindet und stattdessen die Disziplinierung der „Psyche“ des Verurteilten in den Vordergrund tritt (3. Bürokratisierung und Psychologisierung); sowie das permanente Verschweigen von Prozesswissen, das Züge eines inquisitorischen Systems trägt und vom Protagonisten Joseph K. als „absurd“ empfunden wird (4. Verborgenes Wissen und aufgeklärte Vernunft). Diese juristisch-strafrechtlichen Themen, die Teil der Ausbildung des Schriftstellers waren, tauchen in Kafkas literarischem Werk erstmals im Prozess auf. Sie werden im Roman literarisch beleuchtet und in ihrer „Logik“ dekonstruiert (5. Das Gesetz als menschliche Schöpfung). Auf diese Weise erweist sich Kafkas Werk, dessen literarisches Schreiben maßgeblich von seiner historisch-juristischen Dimension geprägt ist, als ein bedeutendes Zeugnis seiner Epoche, das zugleich zentrale Aspekte der zeitgenössischen Welt beleuchtet.
2025
978-3-7069-1257-0
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